Wirrwarr um das Berliner Schloss

– A –

Seit dem Beschluss des Bundestages vom 4. Juli 2002 über den historischen Aufbau des Berliner Schlosses nahmen meine Zweifel an einer soliden Planung ständig zu.

Im September 2010 unternahm ich den Versuch, die Ursachen dieser Zweifel mit den von mir so bezeichneten „25 Anmerkungen zum Berliner Schloss“ zu Papier zu bringen, von denen ich drei Anmerkungen wiedergebe.

 

  1. Anmerkung: Die weise Kabinettsentscheidung

Das Bundeskabinett traf im Juni 2010 eine weise Entscheidung, den Baubeginn für das Berliner Schloss in das Jahr 2014 zu schieben.

Herr Dr. hc. Wolfgang Thierse mischt sich mit staatstragenden Worten in die Belange des Kabinetts ein. Es sei – so er – „ein kulturpolitisches Armutszeugnis“ und die Bundesregierung habe sich „ gegen das größte Kulturprojekt in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland entschieden“ (30.04.2010).

Die verordnete Verschiebung ist ein Glück für den Schlossneubau. Diese drei Jahre sind erforderlich, um die Gebäudeplanung zur Ausführungsreife zu bringen, eine überzeugende, mit den Architekten konvergierende „Museumsszenografie“ (30.08.2010) vorzulegen, die notwendigen bauvorbereitenden Maßnahmen abzuschließen und der Regierung präzise Aussagen zu Bauzeit und Baukosten zu liefern.

Nachgelieferte Anmerkung vom 31.12.2014:

Die Verschiebung um drei Jahre fand nicht statt. Die Intrige der Schlosskongregation funktionierte. Der Bundespräsident korrigierte das „politische Armutszeugnis der Bundesregierung“. Er war Hauptredner zur Grundsteinlegung am 12. Juni 2013.

 

  1. Anmerkung: Die Strategie der Erfolglosigkeit

Für das totale Scheitern der bislang praktizierten Schlossstrategie sehe ich acht Gründe:

  1. Alle Angaben zu Baubeginn, Bauzeit, Bauende sind irritierend. Was auch immer dazu gesagt und geschrieben wurde ist falsch. Die bisherigen Angaben dazu zeugen von einem erschreckenden Unvermögen, die Planung, Bauvorbreitung und Baudurchführung eines solch komplizierten Bauvorhabens zu erfassen. Bereits eine Bauzeit von 18 Jahren wäre eine großartige Leistung.
  2. Die derzeitige Kostenschätzung über 552 Millionen Euro ist das Produkt aus Oberflächlichkeit und unzureichender Sachkunde. Sie dient dem Grundsatz: Verschleierung durch Untertreibung.
  3. Das Spendenkonzept für das Barock ist eine Illusion, der Spendenzufluss wird versiegen und gänzlich zum Stillstand kommen. Die geplanten, jedoch nicht ausreichenden Spendengelder, in Höhe von 80 Millionen Euro, sind heute und in Zukunft nicht verfügbar.
  4. Die von Thierse genannten Kosten für den Palastabriss in Höhe von sieben Millionen Euro – er nannte das die „Kostenentmystifizierung“ – hat dazu geführt, dass jede Aussage der Politik zum Schloss-Komplex von den Berlinern nicht mehr ernst genommen wird.
    Das war bei der Asbestsanierung und dem Palastabriss so und wiederholt sich in fataler Weise beim Schlossneubau.
  5. Der Thierse-Satz, die grüne Wiese sei ein Symbol der Unreformierbarkeit der Bundesrepublik Deutschland, hat dem Schlossprojekt großen Schaden zugefügt.
    Vielmehr ist die grüne Wiese das Symbol einer hysterischen Kopflosigkeit, die logisches Denken nicht zuließ.
  6. Die Verweildauer der grünen Wiese ist verknüpft mit der nervösen Aufgeregtheit, die in dem asbestfreien Skelett keine künstlerischen Visionen von Brot und Spiele gestattete. Die Tollpatschigkeit, die kulturelle Vielfalt als einen in ihr reifenden Bazillus eines späteren Sieges der SED-Diktatur zu denunzieren, ließ die Aversionen in der Gesellschaft gegen das Schloss-Projekt rapide ansteigen.
  7. Die Wahl der Worte kann über Sieg oder Niederlage einer Sache entscheiden. Was sich Ministerielle in den letzten Monaten leisteten, der Öffentlichkeit technologische, baukonstruktive und ökonomische Zusammenhänge zu erläutern, ist an Einfältigkeit nicht zu überbieten.
  8. Anstelle eines inhaltlichen, methodischen und organisatorischen Konzeptes, beherrscht ein heilloses Durcheinander die Szenerie auf dem Schlossplatz.
    Die Wortführer selbst haben mit ihren nicht durchdachten Aktionen, ihren widersprüchlichen Argumenten, ihren unzulässigen Vereinfachungen, Täuschungen und Voreiligkeiten den Status quo herbeigeführt.

 

  1. Anmerkung: Der unbremsbare Nukleus

Den Akteuren des Schloss-Projektes ist es nicht gelungen, durch Wahrhaftigkeit bei den „Steuerzahlern“ Sympathien für das Berliner Schloss zu erzeugen.

„Es bedarf eines unbremsbaren Nukleus, der über die Region hinaus ausstrahlt, aber in ihr verwurzelt ist. Wenn man Kompetenzen von da und dort bemühen muss, ist der Sauerteig nicht da“ (01.04.2002). Diese Ludwig-Güttler-Philosophie trug die Frauenkirche zu ihrem triumphalen Erfolg.

Das Wunder von Dresden wird sich in Berlin nicht wiederholen.

 

Die Reaktion auf diese 25 Anmerkungen war wenig ermutigend und so erhoffte ich mir von Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens deren Aufmerksamkeit oder gar Verständnis für meine Widerreden.

Nachstehend die unvollständigen und stark gekürzten Texte aus dem diesbezüglichen Schriftwechsel.

 

Datum:                30.06.2012

Adressat:            Prof. Dr. Norbert Lammert

Adressant:          Manfred Barg

Sehr geehrter Herr Bundestagspräsident,

… wenngleich ich mich wiederhole: nur eine Kostenberechnung bildet die Grundlage für eine Budgetierung und kein neun Jahre alte, aus Kennziffern zusammengestellte Kostenermittlung… Ganz gewiss wäre ich angetan von Ihnen zu hören, auch wenn Ihre Reaktion nur dazu dienen würde, meinen stetigen Zorn über die Scheinheiligkeit, die die Planung des Berliner Schlosses begleitet, zu dämpfen.

 

Datum:                18.07.2012

Adressat:            Manfred Barg

Adressant:         Petitionsausschuss des Deutschen Bundestages

Sehr geehrter Herr Dr. Barg,

Der Präsident des Deutschen Bundestages, Prof. Dr. Norbert Lammert, hat Ihre Eingabe an den Petitionsausschuss weiter geleitet, da diesem die Behandlung der an den Deutschen Bundestag oder seinen Präsidenten gerichteten Bitten und Beschwerden obliegt… Nach Prüfung Ihrer Zuschrift erhalten Sie unaufgefordert Nachricht.

 

Datum:                23.02.2012

Adressat:           Petitionsausschuss des Deutschen Bundestages

Adressant:         Manfred Barg

Sehr geehrte Damen,

Ich halte meinen Vorwurf aufrecht, dass der Beschluss des Bundestages vom 11.03.2003 mit einem Kostenlimit von 552 Millionen Euro eine unzulässige Einmischung des in der 15. Wahlperiode amtierenden Bundestagspräsidenten Dr. hc. Thierse zustande gekommen ist…Da ich befürchte, dass auch weiterhin die Öffentlichkeit getäuscht wird und sich das elbphilharmonische Desaster an der Spree wiederholt, wäre es für mich wichtig zu wissen, ob der Petitionsausschuss des Deutschen Bundestages überhaupt der richtige Adressat ist, die Einmischungen der Politik in preisrechtliche Verordnungen der Bundesrepublik Deutschland zu untersuchen…

 

Datum:                07.03.2013

Adressat:           Manfred Barg

Adressant:         Petitionsausschuss des Deutschen Bundestages

Sehr geehrter Dr. Barg,

Der Deutsche Bundestag hat Ihre Petition beraten und am 28. Februar 2013 beschlossen, das Petitionsverfahren abzuschließen. Mit dem Beschluss des Deutschen Bundestages ist das Petitionsverfahren beendet… Das Ergebnis der parlamentarischen Prüfung stellt sich wie folgt dar:

…zum Projekt Wiedererrichtung des Berliner Schlosses wurden die Kostenauswirkungen entsprechend der oben dargestellten Methodik kontinuierlich verfolgt, ermittelt, angemeldet, vom Parlament anerkannt und im Bundeshaushalt in Höhe von 38 Millionen Euro im Jahre 2011 dem aktuellen Preisstand angepasst…Vor dem Hintergrund dieser Ausführungen kann der Petitionsausschuss aber keine Fehler bei der Finanzierungsplanung für das Projekt Berliner Schlossplatz feststellen.

 

Datum:                20.03.2013

Adressat:            Petitionsausschuss des Deutschen Bundestages

Adressant:         Manfred Barg

Sehr geehrte Frau Steinke,

…Ich bleibe bei meiner Feststellung vom 30.06.2011: alle Angaben zu Baukosten, Baubeginn, Bauzeit, Bauende sind irritierend, was auch immer dazu gesagt und geschrieben wurde ist falsch…Sie werden dafür Verständnis haben, dass ich mich zu gegebener Zeit mit den mir in der Bundesrepublik Deutschland gebotenen Kommunikationsmöglichkeiten zu Wort melde.

 

Datum:                25.03.2014

Adressat:                       Manfred Barg

Adressant:         Petitionsausschuss des Deutschen Bundestages

Sehr geehrter Herr Dr. Barg,

…Weitere Zuschriften in dieser Angelegenheit wird der Petitionsausschuss nicht mehr beantworten. Der Ausschussdienst ist angewiesen, derartige Zuschriften unbeantwortet zu den Akten zu nehmen.

 

Datum:                30.11.2012

Adressat:             Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland

Herr Joachim Gauck

Adressant:         Manfred Barg

Sehr geehrter Herr Bundespräsident,

…Ich las am 17. Oktober 2012, dass Sie die Schirmherrschaft über die Stiftung Berliner Schloss – Humboldtforum übernommen haben…Ich schließe – sehr zurückhaltend formuliert – eine Wiederholung des Schönefeld-Dilemmas nicht aus, nur dass sich diesmal dieses Dilemma nicht am Rande, sondern im Zentrum der Hauptstadt vollzieht… Bis zum Baubeginn im Jahr 2014 hat der Planungsstab noch Zeit, präzise Berechnungen zu Baukosten, Bauzeit und Spendenaufkommen vorzulegen.

Ich bin überzeugt, dass Ihre Schirmherrschaft über das Milliardenprojekt Berliner Schloss Klarheit und Eindeutigkeit befördern wird…

 

Datum:                06.12.2012

Adressat:            Manfred Barg

Adressant:         Bundespräsidialamt

Sehr geehrter Herr Barg,

Bundespräsident Joachim Gauck dankt Ihnen vielmals für Ihren Brief vom  30. November 2012. Er hat mich gebeten Ihnen zu antworten…Der Bundespräsident hat gern die Schirmherrschaft über diese außerordentlich wichtige kulturelle Vorhaben übernommen…Der Bundespräsident wird sich regelmäßig über den Baufortschritt informieren lassen.

 

Datum:                13.06.2012

Adressat:            Presse- und Informationsamt der Bundesregierung

Adressant:         Manfred Barg

Sehr geehrte Damen und Herren,

Derzeit erscheinen in der Presse unterschiedliche Interpretationen zu dem Kabinettsbeschluss der Bundesregierung aus dem Jahre 2010, mit dem der Baubeginn für das Berliner Schloss in das Jahr 2014 gelegt wurde.

Um Klarheit zu gewinnen, wäre ich Ihnen sehr verbunden, wenn Sie mich über Datum und Inhalt dieses Kabinettsbeschlusses informieren würden.

 

Datum:                21.08.2012

Adressat:            Manfred Barg

Adressant:         Presse- und Informationsamt der Bundesregierung

Sehr geehrter Dr. Barg,

…Die Entscheidung, den Baubeginn des Berliner Schlosses auf 2014 zu verschieben, ist am 6. und 7. Juni 2010, bei einer zweitägigen Sparklausur im Bundeskanzleramt in Berlin getroffen worden…Bundesbauminister Ramsauer hat sich dazu am 10. Juni 2010 geäußert: „Die Vertagung des Baubeginns des Berliner Stadtschlosses ist unter den aktuellen Rahmenbedingungen unumgänglich. Den Bau des Schlosses zu einem Zeitpunkt in Angriff zu nehmen, an dem sich viele Bürgerinnen und Bürger mit schmerzlichen Sparbeschlüssen konfrontiert sehen, wären vielen kaum vermittelbar…“

 

– B –

Mit der lakonischen Mitteilung der Vorsitzenden des Petitionsausschusses vom 25.03.2014, wonach der Ausschussdienst angewiesen sei „derartige Zuschriften unbeantwortet zu den Akten zu nehmen“, folgten acht Monate resignativer Zurückhaltung.

Die Becker-Sontheimer-Reportage „Beton statt Barock“ im Spiegel vom 17.11.2014 ermunterte mich mit der Resignationszeit Schluss zu machen:

  1. Die Steuerzahler dürften nicht „für Luxuselemente und die teure Fassade bei diesem fragwürdigen Prestige-Objekt die Zeche zahlen“ zitiert der Spiegel den Bundeshaushälter Kindler.Diese Sprache des Bundestagsabgeordneten ist dem Schlossprojekt nicht förderlich, sie ist ein aufreizender Affront, der die Arbeiten der Stuckateure, Modell- und Stahlbauer, der Steinmetze und Bildhauer nicht zu schätzen weiß.
  2. Damit es in Erinnerung bleibt: Die Eintragung mit dem Drei-Seiten-Barock in die Bundestagsbeschlüsse der Jahre 2002 und 2003 ist auch das Verdienst eines Mannes, der sich seit zwanzig Jahren für den Aufbau des Berliner Schlosses abrackert: Wilhelm von Boddien. Seine Ausdauer und Zähigkeit führten 1993 zu der faszinierenden Schlosssimulation, die er gemeinsam mit Pariser Künstlern im Maßstab 1:1 auf dem Schlossplatz errichtet hat. Das war der entscheidende psychologische Durchbruch, der ganz gewiss das Abstimmungsverhalten der Parlamentarier im Deutschen Bundestag beeinflusste.Von Boddien sagte, dass der von ihm öffentlich genannte Spendenbetrag von 80 Millionen EURO auf großzügig nach oben aufgerundeten Preisschätzungen basiere, die erhebliche Sicherheitsreserven beinhalten“. In diesem Spendenbetrag sei „die Planung und künstlerische Herstellung der Schmuck- und Fassadenelemente in der handwerklichen Tradition von vor 300 Jahren einbaufähig enthalten“ (30.04.2012).
  3.  Die Boddien’sche Spendenstrategie funktioniert nicht. Mit dem jährlichen Spendenaufkommen von 2,4 Millionen Euro in den letzten 10 Jahren würde das letzte Element des 20.700 Quadratmeter Drei-Seiten-Barock erst nach weiteren 33 Jahren zur Montage auf der Baustelle bereit stehen.
  4. Von Boddien erklärt „dass die Differenz aus Steuermitteln zu bezahlen ist“, wenn seine 80-Millionen-Barockspende nicht zusammen kommt (15.10.2012), und er gleichzeitig die Spender wissen lässt „dass ein Irrtum, insbesondere bei der Kalkulation der Preise, vorbehalten ist“ (30.09.2012).Und schließlich stünden für die Planung und Fertigung der Barockelemente ohnehin nur 66 Millionen Euro zur Verfügung, da etwa  14 Millionen Euro für die laufenden Kosten des Fördervereins benötigt werden (30.04.2010).Und schließlich stünden für die Planung und Fertigung der Barockelemente ohnehin nur 66 Millionen Euro zur Verfügung, da  14 Millionen Euro für die laufenden Kosten des Fördervereins benötigt werden (30.04.2010).
  5. Mit einer rührend anmutenden Rechenoperation will von Boddien sein 80-Millionen-Ziel erreichen: „150.000 Bürger spenden in einem Gegenwert von jährlich 7 Schachteln Zigaretten, und das 10 Jahre lang“ (30.04.2010) und da er die Schlossfassade aus Spenden finanziere „sind für das Schloss selbst keine Steuergelder notwendig. Der Staat muss lediglich das Humboldtforum finanzieren“ (31.10.2010).
  6. Nach all dem Gesagten ist es ausgeschlossen, dass Rettigs Bauablaufplan mit dem Boddien’schen Produktionstakt der Barockelemente konvergiert, wenn der Förderverein nicht von der deprimierenden Mühsal der Spendeneintreibung befreit und das gesamte Barockprogramm in die Finanzplanung des Bundes aufgenommen wird. Die Illusion zu füttern, wonach das Spendenaufkommen zunehme, wenn erst einmal mit dem Bau begonnen wurde, ist falsch und fahrlässig gleichermaßen.
  7. „Um nun doch die gesamte Spendensumme aufzutreiben, setzt Rettig auf eine bundesweite Werbekampagne“ (17.11.2014), die er als Kommunikationsbaustein bezeichnet, wofür der Bund dem Stiftungsrat 610.000,- Euro zur Verfügung stellt. Damit will Rettig den vor sich hindümpelnden Spendenzufluss beleben, um die noch fehlenden 64 Barock-Millionen rasch zur Verfügung zu haben.Jetzt hat das Unternehmen Hoch-Tief einen gigantischen Kommunikationsbaustein mit einer Mächtigkeit von 850.000 Kubikmetern auf den Schloßplatz gestellt.Der Stiftungsrat traut nicht einmal diesem sichtbaren Stahlbetontragwerk zu, der Spendentristesse ein Ende zu bereiten.
  8. „In diesen Tagen hat Stiftungsmanager Rettig einen Bericht zum Spendenstand erstellt … Demnach sind erst 15,7 Millionen Euro an Barspenden für die Barockfassade eingegangen“ (17.11.2014).Und nun stehen 21.000 Quadratmeter schalungsrauhe Betonflächen zur Verfügung, um Gesimse, Kapitelle, Konsolen, Pilaster, Säulen, Fensterbögen und Ornamente einzubauen.Funktioniert aber nicht, da Minister Ramsauer die Barockfassade nur dann rekonstruieren will „wie Spenden eingehen“ (13.04.2010).Enak Ferlemann, des Ministers Staatssekretär, entwickelte aus der spendenabhängigen Barockproduktion die Zwei-Schalen-Theorie: „Eine gewisse zeitliche Entkoppelung gegenüber dem übrigen Baukörper ist machbar.“ (25.03.2010).York Stuhlemmer widerspricht milde: „Zum Teil sind Einbindetiefen von einem halben Meter zu berücksichtigen, was auch unter bauphysikalischen Gesichtspunkten zu lösen ist. Einige Sandsteine an Fensterbögen binden direkt bis an die Innenseite der Wände durch…Einige Sandsteine werden als Bestandteil der Tragkonstruktion betrachtet“ (30.04.2010).
  9. „„Es gibt keinen einzigen Cent mehr vom Bund, als die beschlossenen 478 Millionen Euro“, sagt der Grünen-Abgeordnete Sven-Christian Kindler, der im Haushaltsausschuss mit dem Schloss befasst ist“ (17.11.2014).
  10. Nach einer Planungszeit von 44 Monaten für das Schlossprojekt „muss feststehen, wo der Fahrstuhl hochfährt, wo Wände stehen und wo Versorgungsleitungen verlaufen“ (04.09.2012).In die Sprache des gültigen Baurechts übersetzt heißt dies, dass „die zeichnerische Darstellung des Objekts mit allen endgültigen und vollständigen Ausführungs-, Detail- und Konstruktionszeichnungen im Maßstab 1:50 bis 1:1 und den erforderlichen textlichen Ausführungen von Stella geliefert wurden – also auch die Leitungstrassen für Klima-, Brandschutz- und Elektroanlagen, damit „dem Humboldtforum nicht das gleiche Schicksal widerfährt wie etwa dem Großflughafen Schönefeld“, sagt Rettig (04.09.2012).Daraus folgt, dass die bauausführenden Unternehmen nunmehr im Besitz der kompletten Ausführungsunterlagen sind und daraus ablesen können „wo die Wände stehen und Versorgungsleitungen verlaufen“.Klare Ansage. Jedoch äußert sich zwanzig Monate später das zuständige Bauministerium in seiner schon immer verquasten Schlosssprache, dass es im weiteren Projektverlauf Risiken infolge einer „defizitären Ausführungsplanung“ gebe und es seit Ende 2013 „zunehmend zu Qualitätsdefiziten und Terminverzögerungen in der Ausführungsplanung der Haustechnik“ gekommen ist“ (29.11.2014). Und dem folgt die politgeschwängerte Beschwörungsformel, wonach diese Qualitätsdefizite „innerhalb der vorgegebenen Kostenobergrenze und Termine ausgeglichen werden“.Qualitätsdefizite in der Ausführungsplanung der Haustechnik? Das Humboldtforum ist auf dem besten Weg, dass ihm „das gleiche Schicksal widerfährt, wie etwa dem Großflughafen Schönefeld“.
  11. Der Bundesminister für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung Dr. Peter Ramsauer, beruft eine Reformkommission für Großprojekte ein.
    „Kostenwahrheit, Kostentransparenz und Termintreue“ sagt Ramsauer, sei erforderlich und er wolle das „Handbuch Großprojekte“ innerhalb von zwölf bis vierundzwanzig Monaten erarbeiten, in dem erkannte Fehlentwicklungen benannt und „die Kostenentwicklung von der Entwurfs- über die Ausführungsplanung bis zur Abnahme analysiert wird“ (18.03.2013).

Schließlich solle man die Steuerzahler bei Großprojekten nicht an der Nase herum führen. „Die Projekte“, so Ramsauer, „dürfen auf keinen Fall vor Baubeginn unrealistisch runtergerechnet werden, sonst sind Nachträge vorprogrammiert“ (27.12.2012).

Das Haus Stella sendet beruhigende Signale, Ramsauer könne sich darauf verlassen, dass das Schlossprojekt „auf keinen Fall vor Baubeginn unrealistisch runtergerechnet wurde“.

Also sagt Stella „…dass die Schlossbauarbeiten voll im Zeit- und Kostenrahmen liegen“ und „…anders als bei dem allgegenwärtigen Flughafendesaster, wir genügend Zeit hatten, alle Vorkehrungen zu treffen“ und „…dass von Anfang an die wichtigste Zahl feststand.

590 Millionen soll der Bau kosten. Das war während des Wettbewerbs so. Daran wurde bis heute nicht gerüttelt.“ (14.03.2013)

Aber wie daran gerüttelt wird, unablässig und mit zunehmender Heftigkeit.

Jedes Bauvorhaben unterliegt während der Bauzeit Nutzungsänderungen, -anpassungen, -korrekturen, -ergänzungen.

Das ist ein normaler Vorgang, der sich auch bei dem Schlossneubau ergeben wird.

Wenn also im Rahmen einer Nutzungsänderung bereits Gebautes wieder abgerissen, Wanddurchbrüche zusätzlich hergestellt oder andere wieder geschlossen werden, wenn die Tragfähigkeit von Konstruktionselementen erhöht, Stahlträger nachträglich eingezogen, Trassen von Ver- und Entsorgungsleitungen neu geplant und montiert werden, die Schlossintendanz zu einer neuen inhaltlichen Konzeption mit baukonstruktiven Konsequenzen kommt, dann sind die Auswirkungen auf Kosten und Bauzeit zu dokumentieren, und das unverzüglich, wahrhaftig und ohne das einlullend – arglistige – Stereotyp, „dass man das im Rahmen der vorgegebenen Kosten und Bauzeitvorgabe erledigen kann“ (29.11.2014).

 

– C

  1. „„Rettig weiß, dass Umplanungen nach Baubeginn zu schwer kalkulierbaren Kostensteigerungen führen können. „Das mache ich nicht mit. Dann trete ich zurück.““ (17.11.2014)
  2. Seine ersten Gedanken eines Rücktritts „im Falle wenn“ äußerte er bereits 2013. Auf die Frage, wie er auf Planungsänderungen reagieren werde, antwortete Rettig, das sei mit ihm nicht zu machen (rbb-Abendschau vom 10.02.2013).
    Gehört und gesehen haben das über 270.000 Berliner.
  1. Sollte es bei dem Nichtmitmachen bleiben, dann bringt es ein Anderer / eine Andere zu Ende; der Schlossbau geht weiter – bis zu seiner Fertigstellung. Mit Rücktrittsgedanken öffentlich zu kokettieren ist dem Baugeschehen auf dem Schloßplatz in Berlin nicht dienlich.

– D –

  1. Mit einer vermeintlich freundlichen Aufforderung wendet sich der Bauherr Rettig an die Berliner: „Bitte lassen Sie sich nicht von der Kampagne einer Berliner Tageszeitung zu den absurden Vorstellungen* eines im Wettbewerb seinerzeit im ersten Rundgang gescheiterten Architekten aus München** verunsichern. Allzu durchsichtig ist das einzige Ziel dieser Kampagne, den positiven Verlauf des Bauvorhabens vielleicht doch noch stören zu können.“ (30.06.2014)

*  gemeint ist die nach Osten geöffnete Dreiflügelanlage
** gemeint ist Professor Stephan Braunfels

  1. Flankenschutz erhält Rettig von Wilhelm von Boddien: „„Kürzlich sorgte der Architekt Stefan (sic) Braunfels für Unruhe in den Medien. Er zettelte einen Streit über die Ostfassade Franco Stellas an…Und natürlich fiel sein Entwurf in allen Instanzen durch, er war nicht mehrheitsfähig. Nun holte er ihn wieder hervor und verbündete sich mit einer Zeitung, die schon immer gegen das Schloss war. Erreicht hat er nichts. Gott sei Dank…
    Nach wenigen Monaten gab er nun schmollend auf, war beleidigt und spricht nun von einer vertanen „Jahrtausendchance““.
  2. Friedfertige, auf Ausgleich bedachte Sätze sind das nicht. Und nun das noch: „eine Zeitung, die schon immer gegen das Schloss war“, organisiert die große Verschwörung.
    Eine fatale Auffassung zweier Führungsköpfe am Berliner Schloss, die eine redliche Auseinandersetzung nicht ertragen können.

Ich wiederhole mich: Das Wunder von Dresden wird sich in Berlin nicht wiederholen.

Manfred Barg, 31. Dezember 2014

 

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25 Anmerkungen zum Berliner Schloss

Übersicht

  1. Die weise Kabinettsentscheidung
  2. Ulbrichts Terrorbomber
  3. Die Couragierten
  4. Die asphaltierte Leere
  5. Der Tod eines Sterbenden
  6. Das Propagandagetöse
  7. Die Asbestsanierung
  8. Die Kostenentmystifizierung
  9. Die Boddien’sche Verharmlosung
  10. Der Trost der geschundenen Seele
  11. Die Ostfassade
  12. Die grüne Wiese
  13. Der Zwei-Schalen-Murks
  14. Das Ferlemann-Junktim
  15. Die Zigaretten-Mathematik
  16. Die Kuppel der beflügelten Phantasie
  17. Die Kündigung
  18. Rettigs Schlossabwicklung
  19. Bomba und die U5-Trasse
  20. Die Box
  21. Dröge Skepsis
  22. Das Bauzeitdebakel
  23. Die Kostenlüge
  24. Die Strategie der Erfolglosigkeit
  25. Der unbremsbare Nukleus

1.    Die weise Kabinettsentscheidung

Das Bundeskabinett traf im Juni 2010 eine weise Entscheidung, den Baubeginn für das Berliner Schloss in das Jahr 2014 zu schieben.

Herr Dr. hc. Wolfgang Thierse mischt sich mit staatstragenden Worten in die Belange des Kabinetts ein. Es sei – so er – „ein kulturpolitisches Armutszeugnis“ und die Bundesregierung habe sich „ gegen das größte Kulturprojekt in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland entschieden“ (1.1).

Herr Wilhelm von Boddien bewertet diese Kabinettsentscheidung als unverbindlich, „weil die Bundesregierung wegen der Bundestagswahl dann möglicherweise nicht mehr im Amt ist“ und schließlich sei „der Zug für das Humboldtforum längst auf der Strecke und nicht mehr zu stoppen“ (1.2).

Ich halte dagegen: die Kabinettsentscheidung beendet die Stümperei der letzten 10 Jahre und macht den Weg frei für eine neue Sachlichkeit. Die verordnete Verschiebung ist ein Glück für den Schlossneubau. Diese drei Jahre sind erforderlich, um die Gebäudeplanung zur Ausführungsreife zu bringen, eine überzeugende, mit den Architekten konvergierende Museumsszenografie (1.3) vorzulegen, die notwendigen bauvorbereitenden Maßnahmen abzuschließen und der Regierung präzise Aussagen zu Bauzeit und Baukosten zu liefern.

(1.1) Wolfgang Thierse „Berlin braucht das Stadtschloss“ in Berliner Extrablatt 4/2010
(1.2) Wilhelm von Boddien „Ich kämpfe“ in Berliner Zeitung vom 08.06.2010
(1.3) Sebastian Preuss  aus „Neues vom Humboldt-Forum: Der Wettbewerb um die Ausstellungsgestaltung“ in Berliner Zeitung vom 30.08.2010

2.    Ulbrichts Terrorbomber

„Faschistische Feldherrn haben die Zerstörung des Schlosses in Kauf genommen. Banausen haben die Ruine vollends pulverisiert“ (2.1).

Räther, Journalist beim Berliner Rundfunk, der in einem verzweifelten Brief an Ulbricht die DDR-Führung der Kulturbarbarei beschuldigt, erhält drei Tage später die Antwort: „Also, wenn Sie den Wunsch haben, eine Protestbewegung zu organisieren, dann bitte gegen jene, die das Schloss durch ihren Bombenterror zerstört haben“ (2.2). Ulbricht verknüpft diesen unglaublichen Bezug auf die Goebbels’schen Tiraden, dass er – Ulbricht – es nicht für möglich halte, wonach die Bevölkerung der Deutschen Demokratischen Republik Millionen aufbringt, um das von „amerikanischem Bombenterror zerstörte Schloss wieder herzustellen“.

(2.1) Manfred Krug – Zitat ohne Quellenangabe
(2.2) Brief Ulbricht an Räther vom 18.09.1950 aus Bernd Maether „Die Vernichtung des Berliner Stadtschlosses“

3.    Die Couragierten

Als am 6. September 1952 die Volkskammer der DDR für den Abriss des Berliner Schlosses votierte, formierte sich zum ersten Mal der Widerstand einer kleinen wissenschaftlichen und kulturellen Elite der DDR. Mit hinreißenden und dramatischen Appellen wandten sie sich an die Regierenden: „Solange man mir nicht den Mund gewaltsam verschließt, werde ich nicht aufhören, gegen diesen Beschluss zu protestieren, als Sohn des Ostens, der durch Herkunft und Erziehung auf Innigste mit Berlin und seiner Kultur verknüpft ist “ (3.1).

Durch einen Schwall von Verdrehungen, Verleumdungen und Lügen wurden die Köpfe des Aufruhrs mundtot gemacht.

Die ersten Anzeichen eines moralischen Zerfalls der DDR begannen mit dem Zerstörungsbefehl Ulbrichts im Jahr 1950.

An die Couragierten, die sich dem Abriss so energisch widersetzten, sollte man im Humboldtforum erinnern.

(3.1) Brief von Prof. Richard Hamann an Friedrich Ebert vom 08.09.1950 aus Bernd Maether „Die Vernichtung des Berliner Stadtschlosses“

4.    Die asphaltierte Leere

Nach einem Vierteljahrhundert asphaltierter Leere beschloss die Volkskammer der DDR im Juni 1973 den Aufbau des Palastes der Republik.

Das Bauwerk, im August 1973 begonnen, wurde innerhalb von tausend Tagen im April 1976 mit Glanz und Gloria eröffnet. Knapp  eine Milliarde DDR-Mark wurde durch die Regierung locker gemacht. Über achthundert Architekten, Statiker, Technologen, Kalkulatoren und Spezialingenieure der Gebäudeausrüstung sowie dreitausend-fünfhundert Arbeitskräfte in den Vorfertigungs-, Montage- und Ausführungsunternehmen, arbeiteten unter der Leitung des Chefs der Baudirektion Berlin,  Professor Gißke, an einem für die Verhältnisse der DDR ungewöhnlichen Gebäude mit der wohl einmaligen technischen und ästhetischen Brillanz des Großen Saales. Der Palast wurde verflucht, weil er Arbeitskräfte, Baumaterial, Maschinen und Geräte aus den Bezirken der DDR absaugte und wertvolle Devisen für die Importe der Fassadengläser aus Belgien und den Spritzasbest aus England verballerte. Zum Schluss wurde der Palast geliebt. Immerhin: zweiundsechzig Millionen Besucher seit dem Beginn seiner Existenz.

5.    Der Tod eines Sterbenden

Wenige Tage nach dem Beitrittsbeschluss der Volkskammer verlassen die Abgeordneten und mit ihnen die Mitarbeiter des Palastes der Republik im September 1990 das Gebäude. Es war folgerichtig, dass sich Abgeordnete und Mitarbeiter nicht länger der zerstörerischen Wirkung der Asbestfaser aussetzen durften.

Jedoch: zwanzig Jahre nach der Schließung sollte noch einmal „deutlich in Erinnerung gebracht werden“ (5.1), dass der Abriss keinem politischen Zwang unterlag „die Abgeordneten der DDR-Volkskammer selbst beschlossen die Asbestsanierung und leiteten damit den Abriss ein“ (5.1).

Falsch! „Man hätte die Sanierung schonender machen müssen“ – sagt Bergmann-Pohl und man habe den Palast „in eine Sanierungsruine verwandelt. Wir sollten den Tod eines Sterbenden beschließen“ (5.2), was mit dem Bundestagsbeschluss vom 04. Juli 2002 auch erledigt wurde.

(5.1) Manfred Rettig Sprecher des Vorstandes des Stiftung Berliner Schloss – Humboldtforum in Berliner Extrablatt 2/2010
(5.2) „Streitgespräch Sabine Bergmann-Pohl, Ex-Volkskammerpräsidentin, diskutiert mit Wilhelm von Boddien, Stadtschloss-Kämpfer“, in Berliner Kurier  vom 17.10.2004

6.    Das Propagandagetöse

Wenngleich der Bundestag den Tod des Palastes beschloss, wollte die Sanierungsruine doch weiter leben. Sie tat das mit einer Vitalität, die die Blitzabreißer erschreckten.

Die nämlich erkannten, dass ihr Argument, wonach die Volkskammer-abgeordneten den Abriss ja selbst veranlasst hatten, nicht mehr aufrecht zu erhalten war.

Und so wurde ein gigantisches, über Monate anhaltendes Propagandagetöse aufgelegt.

Personen des öffentlichen Lebens lärmten dreist gegen das Palastskelett:

Trostloses Gebäude

Unansehnliche Ruine

Symbol der SED-Diktatur

Ästhetische Zumutung

Nostalgie für das Gruftige

Vergammeltes Gebäude

Blechbude hinter Bauzaun und Stacheldraht

Schrottpalast  (6.1).

Diesen Blitzabreißern, die nie einen Schweißbrenner in der Hand hielten, fehlte die Achtung vor dem handwerklichen Geschick der Bauarbeiter der DDR.

Für einundzwanzigtausend Tonnen Stahlelemente, gefügt zu einem stabilen Tragwerk, war die Zeit gekommen „diese Gerümpel wegzufegen“ (6.2).

In Berlin tat sich eine Front auf, die nicht zu Einsicht, Ausgleich und Aufklärung führte. Bis heute haben die Ostberliner diese Verletzung nicht vergessen.

(6.1) Wörtliche Zitate – alle Belege dafür vorhanden
(6.2) Hauptstadtforum vom 20.01.2005 im Grand Hyatt Berlin

7.    Die Asbestsanierung

Alle Angaben zu den Kosten der Asbestsanierung lassen Zweifel an einer soliden Kalkulation aufkommen. So lag die Kostenschätzung bei 58 Millionen DM – die abschließende Kostenfeststellung bei 80,3 Millionen Euro (7.1). Das war 2004. Die Überschreitung umfasste 300%. Alles vergessen, erledigt, kein Wort mehr davon. Die Asbestsanierung ist Geschichte.

(7.1) Palast der Republik: Kosten von 119 Millionen Euro in Berliner Morgenpost vom
18.01.2009

8.    Die Kostenentmystifizierung

Für den Palastabriss prognostizierte Minister Dr. Stolpe die Kosten in Höhe von 40 Millionen Euro + x (8.1).

Dieser Prognose widersprach der Bundestagspräsident. „Möglicherweise kostet der Abriss statt geplanter 40 Millionen Euro nur etwa 7 Millionen“ (8.2).

Endlich sei damit die Kostenfrage entmystifiziert und „somit die    Palast-Abrisskosten in Höhe von 20 bis 40 Millionen Euro als fragwürdig zu bezeichnen.“ (8.3).

Und weiter:

„Das Bundesbauministerium solle den Abriss vorantreiben, statt seine Kosten hochzurechnen“ (8.3).

Dazu:

–      Der Thierse’sche Umgang mit Minister Stolpes Sachverstand war stets flankiert von peinlicher Besserwisserei.

–      Der Bundestagspräsident reibt sich in Ständigkeit an Themen, von denen er keine Ahnung hat: denen der Bauerei. Als Kosten-entmystifizierer wird er in die Abrisshistorie des Palastes eingehen.

–      Am Ende wird der Aufwand mit 32 Millionen Euro angegeben (8.4).

–      Und wieder: die Überschreitung von 460% ist vergessen, erledigt, kein Wort mehr davon.

Der Palastabriss ist Geschichte.

(8.1) Ulrich Paul im Gespräch mit Bundesbauminister Stolpe aus: „Die Abrisskosten
von 20 Millionen glaubt niemand. Stolpe warnt vor höheren Ausgaben für
Beseitigung des Palastes der Republik.“ In Berliner Zeitung vom 22./23.11.2003
(8.2) „Nachgefragt: Der Bundestagspräsident will, dass der Palast jetzt schneller
abgerissen wird“ in Super Illu vom 01.04.2004
(8.3) Bernd Kammer zitiert von Boddien aus „Tolles Angebot nach
-Inaugenscheinnahme- . Warum dem Bundespräsidenten die Frage einer
Abgeordneten offenbar peinlich war.“ In Neues Deutschland vom
10./11.04.2004
(8.4) Aus dem Bericht des Bundesbauministeriums an den Vorsitzenden des
Haushaltsausschusses des Bundestages, Otto Fricke (FDP) in Berliner
Morgenpost vom 18.01.2009

9.    Die Boddien’sche Verharmlosung

Die entmystifizierten Abrisskosten kann man nur begreifen, wenn man die adäquate Boddien’sche Leistungsbeschreibung kennt. Es sei doch alles klar, sagt er, sein Abbruchunternehmen aus Hamburg beginne in der umgekehrten Reihenfolge des Aufbaus. Dann „spüle man 40.000 Tonnen Sand mit Spreewasser auf die Kellersohle und reiße es dann ab – alles in sicheren Schritten von 5.000 Tonnen. Hat das neue Schloss das Rohbaugewicht erreicht, holen Saugrohre den Sand wieder raus“ (9.1). Unverständlich für Boddien, dass das Bauministerium für ein solch einfaches Abrisskonzept „schon Ingenieurleistungen für 2,3 Millionen Euro ausgeschrieben habe“ (9.1).

Das ist die Methode: über die Verharmlosung zu manipulierten Preisen.

(9.1) Karin Nölte zitiert von Boddien aus „Eine Wiese bedroht die Schloss-Pläne –
Spendenbereitschaft für die historische Fassade des Hohenzollern-Neubaus ist
bislang nur zögerlich“  aus Neues Deutschland vom 29.03.2004

10.         Der Trost der geschundenen Seele

„Die freundliche Erinnerung an den Palast der Republik“ so Thierse, „als ein Haus der Bürger, können und sollen in dem neu-alten Gebäude im besten Sinne aufgehoben werden“ (10.1).

Dabei „sollte aber möglicherweise der Sitzungssaal der DDR-Volkskammer in das neue Gebäude integriert werden“ (10.2).

In bester Absicht wollte der Bundestagspräsident die geschundene Ossi-Seele vor dem bevorstehenden Abriss der Palastruine trösten.

Von der Einbeziehung der Volkskammer in den Schlossneubau ist nicht mehr die Rede. Die geschundene Seele hat dafür auch Verständnis. Dem Ostberliner fehlte ohnehin der Bezug zur Volkskammer und damit auch zu diesem Saal.

Um nun doch noch ein die Seele tröstendes Element aus dem Palast der Republik in das Schloss einbauen zu können, wurden die Bundestagsabgeordneten zu einem fragwürdigen Beschluss verführt: die spreeseitige Fassade, die auf den roten Osten blickt, soll ein wenig Palastfassade adaptieren.

(10.1) Wolfgang Thierse aus Neues Deutschland vom 12.07.2002
(10.2) Wolfgang Thierse aus Berliner Zeitung vom 05.07.2002

11.         Die Ostfassade

Der Palast ist platt gemacht, die nostalgischen Tränen getrocknet, das Schloss wird gebaut.

Gut so, aber dann in seiner ganzen majestätischen Schönheit. Es ist eine dieser merkwürdigen Entscheidungen, die den Osten benachteiligt.

Diesmal: dem Westen das Barock, dem Osten die – wenn auch gediegene – Warenhausfassade.

Die Entscheidung sei erforderlich geworden, weil die östliche Schlossfassade von der Erasmuskapelle bis zur Schlossapotheke „derart pittoresk verwinkelt sei, dass nach verbreiteter Auffassung eine detailgetreue Rekonstruktion ausscheide“ (11.1).

Diese Auffassung sei weit verbreitet? Im Gegenteil: wird die Ostfassade nicht in die äußere Schlossgestaltung mit einbezogen und diese würdig mit dem Barock vereint, dann und nur dann wird es “ein Ort des Triumphes“ (11.2), ansonsten „ein Ort ihrer dauernden

Blamage“ (11.2).

(11.1) Heinrich Wefing in Berliner Extrablatt 2/2008
(11.2) Dr. Hannes Swoboda in Berliner Extrablatt 2/2008

12.         Die grüne Wiese

Der Bundestag forderte mit seinem Beschluss vom 13. November 2003 die Bundesregierung auf, den Abriss (des inzwischen asbestfreien) Palastes der Republik zu organisieren und nach erfolgtem Tun für „eine gärtnerische Übergangsgestaltung des gesamten Areals zu sorgen“. Dieser Beschluss kam durch eine kraftvolle und entschlossene – jedoch unzulässige – Einflussnahme des Bundestagspräsidenten zustande. Er ließ das Axiom bauwirtschaftlichen Denkens – die Zeitstrecke zwischen Abriss und Baubeginn tunlichst auf Null zu verkürzen – unbeachtet.

Nun liegt sie da die grüne Wiese und wird sich trotzig den Klagen widersetzen, dass der Zustand der grünen Leere bald beendet sein möge.

„Eine Wiese wäre das Symbol der Unreformierbarkeit des Landes“ (12.1).

Ich halte diese Thierse-Aussage, die er zwei Jahre vor Abrissbeginn äußerte, für töricht. Die Wiese ist nicht das Symbol einer Unreformierbarkeit der Bundesrepublik Deutschland, sondern das Ergebnis einer undurchdachten wirtschaftlichen und politischen Konzeption.  Thierse als selbsternannter „Sachwalter der Bundestagsbeschlüsse zum Schlossaufbau“ (12.2) ist gescheitert, sein Credo den Bundestag „nunmehr in die Pflicht nehmen zu wollen, haushaltswirksame Beschlüsse zu treffen“ (12.2), verpufft.

Und schließlich wolle er zu seinem 70. Geburtstag „etwas sehen“ (12.3).

Die Realität erfüllt ihm den Wunsch, im Oktober 2013 hat er sie – die grüne Wiese, auf der –  so Boddien räsonierend – „in Zukunft vielleicht Schafe weiden werden“ (12.4).

(12.1) Karin Nölte zitiert Wolfgang Thierse aus „Eine Wiese bedroht die
Schloss-Pläne“ in Neues Deutschland vom 29.03. 2004
(12.2) Bernhard Schulz zitiert Wolfgang Thierse aus „Schloss-Bau beginnt frühestens
2008. Machbarkeitsstudie schließt private Kosten aus. Kosten werden auf 670
Millionen Euro beziffert.“  in Der Tagesspiegel vom 25.08.2005
(12.3) Ulrich Paul im Gespräch mit Wolfgang Thierse aus „Durch Fehler des Senats
ist der Abriss verzögert worden“ in Berliner Zeitung vom 03.12.2004
(12.4) Wilhelm von Boddien aus „Verständnis für die Kanzlerin. Die Sparbeschlüsse
der Bundesregierung.“ in Berliner Extrablatt 4/2010

13.         Der Zwei-Schalen-Murks

Es ist ein aufwändiges Unternehmen, dem hunderte Bildhauer, Steinmetze, Stuckateure, Modellbauer dienen müssen, um dem geforderten Anspruch an die Qualität der Schlossfassade zu genügen. Eine industrielle Fertigung schließt der Förderverein aus. „Deswegen“

– so von Boddien – „muss das Schlossäußere mit denselben Methoden und Fertigkeiten hergestellt werden, wie von 300 Jahren“ (13.1).

Ein solcher Qualitätsanspruch kostet viel Zeit und hat einen hohen Preis. Von den 21.000 m² Wandfläche – gesteinmetzt aus 12.000 m³ Sandstein – müssen so viele Elemente an dem Tag verfügbar sein, zu dem das Tragwerk des Schlosses über die Kellerdecke hinaus wächst.

Denn: die Umfassungswände des Schlosses sind ein Verbund von Gesims, Kapitell, Balustrade, Konsole, Pilaster mit der raumumschließenden Mauerwerks- oder Stahlbetonkonstruktion. Diesen konstruktiven Verbund kann man nicht in zwei vertikale, zu unterschiedlichen Zeiten gefertigte, Schalen auflösen.

Aber das sehen die Ministeriellen anders: „Eine gewisse zeitliche Entkopplung zur Wiedererrichtung der historischen Fassade gegenüber dem übrigen Baukörper ist machbar“ (13.2).

So begründet Ferlemann den Zwei-Schalen-Murks.

(13.1) Wilhelm von Boddien in Berliner Extrablatt 2/2010
(13.2)Ulrich Paul zitiert Staatssekretär Ferlemann in Berliner Zeitung vom 25.03.2010

14.         Das Ferlemann-Junktim

Ich lese Stuhlemmer (14.1) und Körner (14.2) und werde von beiden Künstlern in meiner Überzeugung gestärkt, dass eine Barockproduktion für 80 Millionen Euro illusionär ist.

Ende 2013 wird Professor Stella eine hinreichend genaue Kostenberechnung vorlegen. Wenn dann das Kalkulationsresultat für die Fassade die 160 Millionen-Grenze überschreitet, ist dies keine Überraschung. Jedoch werden die bisher geplanten 80 Millionen Euro ausreichen, um die Herstellung des Barock für die ersten beiden Geschosse sicher zu stellen. Dem will die Ministerialbürokratie nicht folgen. Die Barockfassaden werden „nur soweit rekonstruiert, wie Spendengelder zur Verfügung stehen“ (14.3), sagt Ferlemann. Dieses Junktim aufrecht zu erhalten, ist für den Schlossneubau gefährlich. Er macht einen technologisch durchdachten Bauablauf unmöglich.

Und auch die sprachliche Ungenauigkeit ist ärgerlich. Die Barockfassade wird nicht „rekonstruiert“, sondern deren Elemente werden geplant, modelliert, gefertigt und montiert und bilden – es sei wiederholt – mit dem Schlosstragwerk einen konstruktiven Verbund.

(14.1) York Stuhlemmer aus „Ein Herkulesarbeit“ in Berliner Extrablatt 2/2010
(14.2) Thomas Leinkauf / Anette Selg aus  „Der Herr der Engel“ in Berliner Zeitung vom 20./21.02.2010
(14.3) Ulrich Paul zitiert Staatssekretär Ferlemann in Berliner Zeitung vom 25.03.2010

15.         Die Zigaretten-Mathematik

Wilhelm von Boddien will sein 80-Millionen-Ziel mit einem rührend anmutenden Rechenziel erreichen:

150.000 Bürger spenden in einem Gegenwert von jährlich 7 Schachteln Zigaretten – und das 10 Jahre lang (15.1). Diese abenteuerliche Spendenmathematik wird niemals funktionieren.

„Von den 80 Millionen ist gerade 1 Million zusammen gekommen“ sagt Ramsauer „das macht mich nicht übermäßig euphorisch“ (15.2).

Der Förderverein ist ganz offenbar nicht mehr fähig, den Zusammenhang von Kosten und Terminen der Elementeproduktion zu beurteilen. Es ist deshalb ernsthaft zu überlegen, das unbrauchbare Boddien’sche Modell aufzugeben und den Förderverein von der deprimierenden Mühsal der Spendeneintreibung zu befreien. Das gesamte Fassadenprogramm muss in die Finanzplanung des Bundes aufgenommen werden.

(15.1) Wilhelm von Boddien „Zwischenrufe“ in Berliner Extrablatt 4/2010
(15.2) Bundesminister Peter Ramsauer im Tagesspiegel vom 01.03.2010

16.         Die Kuppel der beflügelten Phantasie

Minister Tiefensee „will auf die Kuppel nicht verzichten“ (16.1) und setzt darauf, dass „die Architekten die Phantasie so beflügeln wird, dass wir das Humboldtforum mit Kuppel aber ohne Kostenüberschreitung errichten können“ (16.1).

Herr von Boddien will die Kosten für den historischen Kuppelbau in Höhe von 15 Millionen Euro aus Spenden finanzieren (16.2) und widerspricht damit Tiefensees beflügelnden Phantasien.

Minister Ramsauer sieht keine Möglichkeit die Kuppel zu finanzieren. Sie sei in dem für ihn verbindlichen Limit nicht enthalten (16.3).

Fatal, absurd, merkwürdig, störend, mogelnd, so seine Kritiker, sei das von Ramsauer Gesagte. „Den immer wieder aufflammenden Störmanövern ist entschieden entgegen zu treten“ (16.4).

„Blamabel“ sei die Haltung des Ministers (16.5).

Ramsauers Vorschläge sollen die „Mogelpackung Einsparung“ beim Schloss nicht so deutlich werden lassen (16.6).

Was sollen die völlig überflüssigen Aufgeregtheiten? Minister Ramsauer hat Recht. Für 552 Millionen Euro kann er eben nur ein Schloss im unfertigen Zustand liefern – also auch ohne Kuppel.

(16.1) Wolfgang Tiefensee im Gespräch Tagesspiegel vom 27.01.2007
(16.2) Wilhelm von Boddien „Baubeginn für das Schloss steht fest“ in Berliner Extrablatt 6/2009
(16.3) Bundesminister Ramsauer im Gespräch in Tagesspiegel vom 01.03.2007
(16.4) dpa zitiert die Bundestagsabgeordneten Börnsen und Fischer aus „Kritik an Störmanöver gegen Schlossfassade“ in Berliner Zeitung vom 22.04.2010
(16.5) „Stadtschloss: Kulturpolitiker gegen Sparpläne“ in Berliner Zeitung vom 21./22.05.2010
(16.6) Junge-Reyer kritisiert Pläne für den Schlossplatz in Berliner Zeitung vom 29.06.2010

17.      Die Kündigung

Weil das Schloss „später gebaut wird, würde für das Team von etwa 50 Planern um den Architekten Franco Stella, die Arbeit an den Entwürfen für das Schloss noch in diesem Jahr zu Ende gehen“ (17.1). Und so wolle „der Bund die Verträge mit den Architekten im Oktober auslaufen lassen“ (17.1).

Eine solche Kündigungsabsicht ist falsch.

Heute und die nächsten drei Jahre bedarf es einer leistungsfähigen Mannschaft. Nur dann wird ein konfliktarmer Baustart im Jahre 2014 gesichert und die abträglichen Spekulationen um die ministeriellen Kostenschätzungen beendet.

(17.1) Ulrich Paul „Schön gerechnet“ in Berliner Zeitung vom 08.06.2010

18.      Rettigs Schlossabwicklung

Die von der Bundesregierung verfügte Verschiebung des Baubeginns ist für Rettig „unproblematisch“ (18.1). Die längere Zeit bis zum Baustart könne nun für eine „bessere Planung“ (18.1) genutzt werden. Dadurch „lasse sich der Bau schneller abwickeln“ (18.1).

„Die Verschiebung des Baubeginns von 2011 auf 2013 sei äußerst gering“ (18.1) – so Rettig weiter – und er erwartet „dass die Eröffnung des Humboldtforums im Jahre 2018 möglich sei“ (18.1).

Dazu:

–      Die Verschiebung ist nicht nur „unproblematisch“, sie ist klug und nutzbringend.

–      Wie soll Rettigs „bessere Planung“ funktionieren, wenn Stella „mit einer verkleinerten Mannschaft weiter arbeiten soll“? (18.2).

–      Das Berliner Schloss wickelt man nicht ab. Dieses Schloss verdient nicht mit dem verletzenden Treuhandvokabular diskriminiert zu werden. Das Berliner Schloss wird in seiner barocken Pracht errichtet, gebaut, erbaut, hergestellt – aber nicht abgewickelt.

–       Rettigs Erwartung, dass die Eröffnung des Humboldtforums im Jahre 2018 möglich sei, ist in die Kiste der hundertfachen Terminphantasmen abzulegen.

(18.1) Ulrich Paul zitiert Manfred Rettig aus „Das Schloss kommt doch schneller alserwartet“  in Berliner Zeitung vom 22.07.2010
(18.2) Ulrich Paul zitiert Rainer Bomba aus „Das Schloss wird weiter geplant.“ in Berliner Zeitung vom 04.08.2010

19.      Bomba und die U5-Trasse

Eine ingenieurtechnische Herausforderung ist die statisch-konstruktive Lösung für die Überbauung der geplanten U5-Trasse, die das Schloss – achtzehn Meter tief im Grundwasser eintauchend – unterfährt. Bomba findet dafür eine einfache Lösung, wonach es „…notwendig ist, den Boden über der zukünftigen U-Bahn-Röhre zu verdichten, so dass dieser nicht später unter der Last des Humboldtforums einbricht“ (19.1).

Die Kommentierung zur U5-Überbauung ordnet sich ein in die Verharmlosung komplizierter technischer Probleme.

Und: nicht etwa ein Bauteil der Schlosskonstruktion würde „unter dem Boden einbrechen“, sondern das Humboldtforum.

(19.1) Ulrich Paul zitiert Rainer Bomba aus „Das Schloss kommt doch schneller als
erwartet.“  in Berliner Zeitung vom 22.07.2010

20.      Die Box

Auf dem Schlossplatz entsteht ein eigenwilliges Gebäude „raumschiffig und etwas kristallin“ (20.1).

„Eine monströs wirkende Schachtel, ein zum Glück bloß provisorisches Scheusal (20.2).

Die Standortzuweisung für die Box durch die Senatsbauverwaltung ist listig. Sie stellt das Gebäude in die Sichtachse zwischen Lindenboulevard und der Nordfassade des Schlosses. „könnte man“ –  fragt Bernau –  „die ästhetischen, geistigen und historischen Beziehungen diese Ortes noch effizienter ignorieren?“ (20.1). Aber genau das ist von der Senatorin so gewollt. Liefert doch der gewählte Standort die Begründung dafür, warum die Box später wieder abgerissen werden muss.

Gegründet auf 30 Meter tiefen Bohrpfählen, 28 Meter hoch, mit     3.500 Quadratmeter nutzbarer Fläche, gefertigt aus hochfestem Stahl und einem erstklassigen Stahlbeton, mit einer noblen Ausstattung und modernster Gebäudetechnik soll „sie Lust auf das Humboldtforum machen“ (20.3).  Aber so fügt die Senatorin hinzu – die Box sei nur ein Provisorium – . Hier irrt sie. Dieses Haus bleibt stehen und wird noch den Wechsel in das nächste Jahrhundert erleben. Fünf Millionen Euro soll das kristalline Raumschiff kosten, das Doppelte, oder gar das Dreifache wird es am Ende sein.

Und  schließlich, diese Voreiligkeit jetzt die Box zu bauen, ohne einen gesicherten Termin für den Baustart abzuwarten, wird dem Senat noch juristischen und finanziellen Kummer bereiten.

(20.1) Nikolaus Bernau „Man muss nicht alles ertragen“  in Berliner Zeitung vom 07.07.2010
(20.2) Harald Jähner „Skelette der Zukunft“  in Berliner Zeitung vom 09.08.2010
(20.3) Ulrich Paul zitiert Junge-Reyer „Schöne Aussichten-nur nicht auf der Schlossbaustelle“  in Berliner Zeitung vom 09.07.2010

21.      Dröge Skepsis

Eine kulturelle Zwischennutzung der Palastruine war zwischen August und Oktober 2004 gestattet. Der nachfolgende Abriss der “stärksten Kulturhalle Deutschlands“ (21.1) erfolgte unter politischem Druck: die kulturelle Zwischennutzung sei „ein später Sieg der SED-Propa- ganda“ (21.2) und der Bundestagspräsident empfand die enthusiastische Nutzung als „eine Parteilichkeit, die auf noch viel stärkeren Widerstand im Bundestag stoßen wird“ (21.3).

Offenbar wiederholt sich derzeit die bekannte Argumentation einer Zwischennutzung – diesmal auf der grünen Wiese.

Minister Ramsauer könnte sich „zum Beispiel Shakespeare-Theater vorstellen, ähnlich dem Globe in London (21.4).

Alle Voraussetzungen seien dafür gegeben, jedoch das Ja-Wort der Senatorin, das Globe auf der grünen Wiese zu montieren stehe noch aus.

Dort sehe man die Pläne eher skeptisch „die Fläche sei immer als Freiraum geplant gewesen und sie könne sich nicht vorstellen, dass man das genehmigt“ (21.5) sagt die Sprecherin der Senatorin.

Nichts anderes als dröge Skepsis ist aus diesem Haus ohnehin nicht zu erwarten.

(21.1) Antrag der Fraktion Bündnis 90/die Grünen im Abgeordnetenhaus Berlin vom 08.11.2005
(21.2) Ulrich Paul im Gespräch mit Christina Weiss  „Später Sieg der SED-Propaganda“  in Berliner Zeitung vom 29.09.2004
(21.3) Ulrich Paul im Gespräch mit Wolfgang Thierse in Berliner Zeitung vom 03.12.2004
(21.4) Ulrich Seidler “Die Kulisse ist schon fertig“ in Berliner Zeitung vom 30.06.2010
(21.5) Karin Schmidl  und Ulrich Paul „Shakespeare auf dem Schlossplatz“ in Berliner Zeitung vom 07./08.08.2010

22.      Das Bauzeitdebakel

Würde man sich der Aufgabe unterziehen, alles bisher Gesagte zu Baubeginn, Bauzeit, Bauende zusammen zu stellen und alles tabellarisch aufbereiten, würde man eine interessante, aber gleichzeitig erschreckende Übersicht erhalten, wer sich wann, in welchem Jahr dazu geäußert hat.

Soviel jedoch kann man sagen: von den hundertfach prognostizierten Daten hat sich nicht eine Einzige als zutreffend heraus gestellt. Alle Äußerungen dazu entbehrten originärer Sachkenntnis und haben nur eine Aufgabe, dass die unter falschen Annahmen zustande gekommenen Bundestagsbeschlüsse von den Abgeordneten nicht in Frage gestellt werden. Die Anzahl der Terminprognosen nahmen seit 2002 inflatorisch zu. Inzwischen werden wöchentlich neue Daten erzeugt.

Die widersprüchliche Datenflut wird nicht mehr ernst genommen, sie wirkt lächerlich und neue Terminangaben sind – kaum ausgesprochen – bereits moralisch verschlissen.

Der so oft angemahnte „Respekt vor dem Bundestag“ ist eine Farce. Die Parlamentarier erfassen ohnehin nicht das Datengewirr, sie interessiert dieses Thema auch nicht mehr.

Im Wettlauf um die kürzeste Bauzeit liegen Schmitz (22.1) und Tiefensee (22.2) gleichauf:

Spatenstich               2010

Schlüsselübergabe          2013.

Obwohl erst Ende 2013 eine hinreichend präzise Angabe zur Bauzeit vorliegen wird, will ich Schmitz und Tiefensee kontern:

Spatenstich               2014

Schlüsselübergabe          2032.

(22.1) Andrè Schmitz , Kulturstaatssekretär des Berliner Senats, aus „Das Humboldtforum auf dem Berliner Schlossplatz“ in Der Tagesspiegel vom 04.02.2007
(22.2) Bauminister Wolfgang Tiefensee aus „Ein Schaufenster des Weltwissens“ in Der Tagesspiegel vom 27.01.2007

23.      Die Kostenlüge

Er will – so Boddien – die Schlossfassade aus Spenden finanzieren, so dass „für das Schloss selbst keine Steuergelder notwendig sind. Der Staat muss lediglich das Humboldtforum finanzieren“ (23.1). Es verschlägt einem den Atem, wenn man so etwas liest.

Klar ist: den verlogenen 552-Millionen-Phantombeschluss weiter zu strapazieren ist absurd.

Die limitierte Summe wird sich mehr als verdoppeln. Der Staat muss für das Schloss ein Budget von über einer Milliarde Euro bereit stellen.

Mit der ersten Spundwandrammung im Frühjahr 2014 und der Schlüsselübergabe Ende 2032 wird das Bundesbudget über achtzehn Jahre mit jährlich 60 Millionen bis 80 Millionen Euro belastet.

Die Bundesregierung, als Repräsentant der stärksten Volkswirtschaft Europas, wird diesen Investitionsaufwand aufbringen, das derzeitige Schlosstorso verhindern und den Aufbau des Berliner Schlosses in seiner ganzen Schönheit sichern.

(23.1) Wilhelm von Boddien „Vertrauen für die Kanzlerin“ in Berliner Extrablatt 4/2010

24.      Die Strategie der Erfolglosigkeit

Für das totale Scheitern der bislang praktizierten Schlossstrategie sehe ich acht Gründe:

  1. Alle Angaben zu Baubeginn, Bauzeit, Bauende sind irritierend. Was auch immer dazu gesagt und geschrieben wurde ist falsch. Die bisherigen Angaben dazu zeugen von einem erschreckenden Unvermögen, die Planung, Bauvorbreitung und Baudurchführung eines solch komplizierten Bauvorhabens zu erfassen. Bereits eine Bauzeit von 18 Jahren wäre eine großartige Leistung.
  2. Die derzeitige Kostenschätzung über 552 Millionen Euro ist das Produkt aus Oberflächlichkeit und unzureichender Sachkunde. Sie dient dem Grundsatz: Verschleierung durch Untertreibung.
  3. Das Spendenkonzept für das Barock ist eine Illusion, der Spendenzufluss wird versiegen und gänzlich zum Stillstand kommen. Die Spendengelder sind in der erforderlichen Höhe von 160 Millionen Euro nicht verfügbar.
  4. Die Thiers’sche Kostenentmystifizierung hat dazu geführt, dass jede Aussage der Politik zum Palast-Schloss-Komplex nicht mehr ernst genommen wird. Das war bei der Asbestsanierung und dem Palastabriss so und wiederholt sich in fataler Weise beim Schlossneubau.
  5. Der Thierse-Satz, die grüne Wiese sei ein Symbol der Unreformierbarkeit der Bundesrepublik Deutschland, hat dem Schlossprojekt großen Schaden zugefügt. Vielmehr ist die grüne Wiese das Symbol einer hysterischen Kopflosigkeit, die logisches Denken nicht zuließ.
  6. Die Verweildauer der grünen Wiese ist verknüpft mit der nervösen Aufgeregtheit, die in dem asbestfreien Skelett keine künstlerischen Visionen von Brot und Spiele gestattete. Die Tollpatschigkeit, die kulturelle Vielfalt, als einen in ihr reifenden Bazillus eines späteren Sieges der SED-Diktatur zu denunzieren, ließ die Aversionen in der Gesellschaft gegen das Palast-Schloss-Projekt rapide ansteigen.
  7. Die Wahl der Worte kann über Sieg oder Niederlage einer Sache entscheiden. Was sich Ministerielle in den letzten Monaten leisteten, der Öffentlichkeit technologische, baukonstruktive und ökonomische Zusammenhänge zu erläutern, ist an Einfältigkeit nicht zu überbieten.
  8. Anstelle eines inhaltlichen, methodischen und organisatorischen Konzeptes, beherrscht ein heilloses Durcheinander die Szenerie auf dem Schlossplatz. Die Wortführer selbst haben mit ihren nicht durchdachten Aktionen, ihren widersprüchlichen Argumenten, ihren unzulässigen Vereinfachungen, Täuschungen und Voreiligkeiten den status quo herbeigeführt.

25.      Der unbremsbare Nukleus

Den Akteuren des Palast-Schloss-Projektes ist es nicht gelungen, durch Wahrhaftigkeit bei den „Steuerzahlern“ Sympathien für das Berliner Schloss zu erzeugen.

„Es bedarf eines unbremsbaren Nukleus, der über die Region hinaus ausstrahlt, aber in ihr verwurzelt ist. Wenn man Kompetenzen von da und dort bemühen muss, ist der Sauerteig nicht da“ (25.1). Diese Ludwig-Güttler-Philosophie trug die Frauenkirche zu ihrem triumphalen Erfolg.

Das Wunder von Dresden wird sich in Berlin nicht wiederholen.

(25.1) Detlef Friedrich im Gespräch mit Ludwig Güttler in Berliner Zeitung vom 01. April 2002

Eingegeben von Dr.Ing. Manfred Barg am 02.09.2010.

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